Geradeweil

Trotzdem. Ich mag dieses Wort nicht. Trotzdem. Ich mag die Härte nicht, die es hat. Trotzdem stellt sich auf wie eine Trutzburg, trotzdem stemmt sich gegen das Fliessen, trotzdem hat die Füsse verankert, trotzdem, zu viel davon macht unbeweglich. Trotzdem stemmt sich gegen etwas und bleibt gebunden daran. Trotzdem. Ich mag das Wort nicht. Trotzdem, was kann ich sagen?
Vielleicht so etwas wie geradeweil. Geradeweil verbraucht keine Energie, einen Schutzwall zu bauen, geradeweil hat dafür keine Zeit. Geradeweil fliesst unter Palisaden hindurch, fliesst überallhin und lässt sich aufhalten von nichts, geradeweil ist Ja und Bewegung und Und. Geradeweil lässt sich nicht beirren. Es sieht, was da ist, es sieht, was zum Hindernis werden könnte, wendet sich ab und nimmt seinen eigenen Weg. Murmelt und gurgelt und macht einen neuen Raum auf, weil es weiss, dass es Wichtiges zu sagen gibt.

Ich will meine Stimme nicht gegen etwas erheben, auch wenn dieses Etwas dasteht als Mauer, die mich zu hindern scheint. Das würde die Mauer nur noch mehr untermauern. Meine Worte wären durchzogen von Tönen, die nicht die Meinen sind, meine Stimme bliebe kleben an dem, wovon sie sich lossagen will. Meine Aufmerksamkeit wäre der Mörtel, der die Mauer dick macht, und meine Stimme baute an meiner Bedrückung mit.
Wie also sprechen, singen, schreiben?

Mich von der Wand abwenden. Meine Aufmerksamkeit abziehen, meine verklebte Stimme zurückrufen von ihrer Anhaftung, zurück in meine Kehle, zurück in meine Brust und meine Mitte.
Mich ganz anders ausrichten. Erstmal ablassen von allen Wänden und mich nicht mehr daran halten. Mich einlassen auf die Leere. Mich nach innen richten. Hier erstmal meine Stimme fragen: Was willst du? Gegen die Mauer hast du lange angeredet, gegen das Hindernis hast du dich lange gestemmt. Was willst du stattdessen?
So befragt, schweigt meine Stimme zunächst. Sie kringelt sich ein in mir. Und ich wandere mit meiner sich suchenden, sich selbst belauschenden Stimme eine Weile durch die Welt, immer mit einem Ohr bei ihr, immer mit einem Ohr nach innen. Ich will bereit sein, falls meine Stimme sich plötzlich wieder regt. So trage ich das Suchen in mir drin, vielleicht sind aus der Weile nun Jahre geworden, ich weiss es nicht. Aber die Stimme kennt keine Zeit.
Ich warte also. Und die Stimme hat sich in mir, unbemerkt, zu einem Faden verdichtet, unendlich aufgerollt, ein Knäuel in meinem Herzen. Und dann, eines Tages, leise zuerst aber sicher, zieht sie schliesslich aus, meine Stimme, leuchtender Faden, beginnt vor meinen Augen ein Flechtwerk. Sie zieht aus, meine Stimme, und sie verbindet sich mit anderen Fäden, die sich verweben wollen zu einem neuen Bild. Zu einem fliessenden Teppich, der uns trägt; zu einem Gewebe aus Tönen, das uns empfangen wird; ein Gewebe, das unsere Zukunft, unser Weiter, unser So in dieses Jetzt einlädt.