Das Gesicht zur Stille wenden

Ein Stillstand hat sich in mir breitgemacht.

Ich kann nicht mitmachen beim Weitermachen. Einladungen, nach draussen zu gehen, entgleiten mir.

Soll ich weiter versuchen, am Tag teilzunehmen, trotz der Verweigerung, die sich in mir vollzieht

soll ich den draussen Gehenden die Tanzfläche meines Gesichts weiter hinhalten und die Schaukel meines Lächelns, sodass niemand abrutsche von einem herunterhängenden Mundwinkel und in die Furche einer Frage fiele

oder soll ich

das Gesicht zur Stille wenden.

Den Kopf an ihre Schulter legen, das Ohr an ihr Herz.

Hier atmen. Mir die Augen von ihr verbinden lassen mit Nachtblau.

Ihrem Herzpochen lauschen wie einem Tropfen, das nie aufhört. Tropfen aus einem grösseren Wasser, das ihr Herz speist. Meine Hand dann hinhalten und eine Weile zuschauen, wie die Tropfen sich darin sammeln; wie der kleine See, der sich bildet, mit jedem Tropfen erzittert und aufspritzt. Zuhören, wie der Ton heller wird. Und dann einen Schluck trinken.

Dann warten. An die Stille gelehnt. Und ihr Herzwasser trinken.

Denn dann, irgendwann, steigen sie aus der Tiefe zu mir auf: die Ungehörten, Ungefühlten, die Weggesteckten. In Blasen steigen sie auf und in Schutzhüllen, die ich um sie legte, damit ich sie nicht fühlen musste. So waren sie eingebettet in meinem Gewebe und störten mich nicht in meiner Bewegung.

Aber jetzt sitze ich still und sie steigen auf, eins nach dem anderen, und bringen mir ihre Geschichten. Zaghaft nähern sie sich mir, als hätten sie Angst, ich könnte sie wegschicken. Aber ich kann nicht. Ich will nicht. Ich will jetzt da sein, ihnen ihre Zeit geben und zuhören.

Dann wird sich eins ums andere aus seiner Umhüllung lösen und ich werde da sein und fühlen.

Später werden sie vielleicht wegspringen und spielen: wie befreite Kinder.

Aber bis dahin soll die Stille noch dauern, und ich will dem Tag nicht zur Verfügung stehen.